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Die Klinik als Parallelwelt

Der letzte Beitrag ist ungewohnt lang her. Der Grund dafür ist leicht geschrieben; zeitgleich aber schwer zu erklären. Es fühlt sich nicht so an, als hätte ich jetzt schon drei Wochen nicht in die Tasten gehauen. Die Zeit vergeht wie im Flug, ich bin völlig in die Klinikrealität eingetaucht. 

Ein Mitpatient, den ich sehr zu schätzen lernte, teilte ein tolles Bild mit uns. Dieses Bild spiegelt für mich voll und ganz meine derzeitige Gefühlswelt wieder. Es ist eine Fotografie von Slinkachu, einem Streetart-Künstler und Fotografen. 

Skyscraping by Slinkachu 2012 Qu: http://www.andipa.com/artist/slinkachu/skyscraping


Dieses Miniaturmännchen mit den scheinbar überdimensionalen Federn erinnert mich an diese Klinikrealität, in der ich seit ein paar Wochen lebe. Theoretisch hat man durch den Rehaaufenthalt die Mittel und Möglichkeiten an der Hand  (wieder) ganz frei zu sein. Aber da draußen in der realen Welt würde es nicht ganz funktionieren, sodass man sich ganz klein fühlt. Trotzdem schreit das Bild förmlich: Irgendwann – Freiheit!

So sehr bin ich in dieser Realität drin, dass es sich anfühlt als lebte ich in einer Parallelwelt. Die Abläufe sind bekannt, die Wege und Menschen sind vertaut. Alles funktioniert. Es gibt Zeiten, in denen man in der Anwendung voll reinhaut. Es gibt Zeiten, in denen man ganz in Gespräche mit den anderen Patienten vertieft ist. Es gibt Zeiten, in denen wir alles ablegen und hirnverbrannt rumblödeln. Es gibt Zeiten, in denen man anderen Mut macht. Es gibt Zeiten, in denen andere einem selbst Mut machen. 

So hat alles seine Zeit. Auch der Absprung in diese andere vermeintlich normale Welt. Und er ist nicht immer leicht. Ich vermeide ihn. Ich fahre an den Wochenenden nicht nach Hause; viele Rehapatienten machen das. Sie möchten Normalität tanken und so Kraft für die nächste Woche sammeln. Das sind zum Teil diese Patienten, die unter der Woche meckern, es sei alles so anstrengend und doof. Es ist anstrengend, aber von doof weit entfernt! Jede Anwendung ist sinnvoll und bringt mich meinem Traum – laufen – einen Schritt näher. Das Wochenende über diese Parallelwelt zu verlassen, hieße meinen Fokus zu verlieren. So bin ich Tag ein, Tag aus in Tuchfühlung mit meinem Vorhaben und fast nichts lenkt mich davon ab. Ich werde nicht rausgerissen, muss nicht wieder kommen und nicht wieder auf eine gewisse Art neu beginnen.

Mit großen Flügeln muss man ja aber nicht zwangsläufig abspringen und fliegen; man kann auch abspringen und ein wenig gleiten. So gleite ich hin und wieder zwischen den Welten. Lasse mich von herzensguten Menschen leiten und genieße einfach den Moment. Das ist etwas, das ich gern mitnehmen würde in die Realität. Pause machen, fallen lassen und genießen. Ewig ist es her, dass ich zuletzt einen Museumsbesuch so intensiv erlebt oder einen ausgedehnten Spaziergang in einer Großstadt wirklich genossen habe. Diese Momente sind wie ein Kurzurlaub für mich. Die Klinik ist dann für wertvolle Minuten völlig ausgeblendet, ohne dass ich danach wieder zurück kommen müsste. Dieser Schritt bleibt mir im Gleiten gefühlt erspart.

Nicht zuletzt liegt es auch an denen, die ich bisher hier kennen lernen durfte. Sie verstehen wovon ich spreche. Sie verstehen es wirklich. Das ist das richtig Wertvolle in dieser, unserer Parallelwelt. Ein gegenseitiges Verständnis, das man draußen suchen muss und oft nicht findet. Hier jedoch ist es die Ausnahme auf Unverständnis zu treffen. So wird eine Begegnung noch intensiver, wenn man abseits der Unfall- und langer Krankenhauserfahrung die gleiche Sicht auf das Leben hat und/oder Parallelen im Leben vor dem Unfall entdeckt. Wir teilen viele Gedanken und verbringen viele Stunden miteinander. Wir lernen einander auf eine andere, sehr intensive und auch angenehme Weise kennen. Wird einer dieser besonderen Menschen entlassen, dann ist es merkwürdig. Ein Abschied, der schmerzt, weil man sich plötzlich nicht mehr ständig sieht. Ein Abschied, den ich ihnen mehr als gönne. Niemand sollte lang hierbleiben. Mit diesen besonderen Menschen bleibe ich in Kontakt. Jede Nachricht von ihnen stimmt froh. Nicht nur, weil ich sie lieb gewonnen habe, auch weil sie beginnen ihre Flügel zu nutzen: 

Irgendwann – Freiheit!