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Eine Frage der Einstellung

Die Wochen ziehen unbemerkt ins Land. Beinah habe ich sechs davon voll gemacht. Das Leben in der Klinik hat mich völlig für sich beansprucht. So sehr, dass ich die Zeit vergesse. Über nichts muss ich mir Gedanken machen, denn der Trainingsplan ist der immer Gleiche und es stellt sich schnell Routine ein. Die Tage verschwimmen zu einem Einheitsbrei. Es ist aber auch nicht wichtig zu wissen, ob nun Dienstag, Mittwoch oder vielleicht doch Freitag ist.

Was in der Reha wichtig ist, variiert stark je nach Standpunkt. Und es gibt diverse Standpunkte. Da wären die Ärzte, die sich für ihre Patienten wünschen, dass sie wieder fit, beweglich, einsatzbereit sind und keine, oder möglichst wenige, Beeinträchtigungen zurück behalten. Die Ärzte, die genau wissen, was so eine Rehabilitationsmaßnahme bringen kann. Sie verzweifeln aber zusehends an den Patienten, die so eine Maßnahme nur machen, weil sie müssen und quasi eine Strafe absitzen. Umso mehr sieht man ihre Augen leuchten, wenn dann mal ein Patient auftaucht und bei Visite erzählt wie toll die Fortschritte doch sind. Ganz und gar ungläubig schauen sie die seltene Spezies an, die sogar um eine Verlängerung bittet. Dann erledigen sie doch gern Papierkram, für den zwischen den Behandlungen und OPs eigentlich kaum Zeit bleibt. Sie freuen sich aber mit ihren Schützlingen über die Erfolge. Denn oft wird ihnen ja genau das verwehrt. Ein Arzt im Krankenhaus operiert, überwacht die post-OP-Heilung und schaut danach innerhalb eines halben Jahres noch ein paar Mal auf die Wunde; wenn überhaupt so oft. Danach verlieren sich die zwei Parteien oft wieder aus den Augen. Manchmal aber dürfen sie teilhaben, wie es bergauf geht oder gut wird. Sie unterstützen verbal, können aber in diesem Stadium nicht mehr viel aktiv tun. Ich freue mich immer wieder über diese Form. Es heißt ganz deutlich: Hey, es wird!

Da wären noch die Therapeuten. Sie bilden das Bindeglied zwischen dem (zwangsweise) aktivem Patienten und seinem Arzt. Sie verbringen täglich Zeit mit den Patienten, sehen unmittelbar ob es voran geht oder nicht. Erkennen, wenn jemand doch noch Schmerzen hat und wissen Rat woher der kommen könnte. Sie halten Rücksprache mit den Medizinern und können so Einfluss nehmen auf nötige Verlängerungen, eine andere Mediaktion. Hauptsächlich aber leiten sie die Verletzten an, wie man das Leiden am besten los wird, wie man Bewegungen wieder erlernt oder mit Gehstützen umgeht. Das immer angepasst an die Verfassung des Trainierenden. Die Sport-, Ergo- und Physiotherapeuten erkennen von allein, ob ein guter oder schlechter Tag ist und passen das Pensum der Anwendung an. Sie leiden unter den Gezwungenen, die Ratschläge kaum annehmen und unmotiviert durch die Gänge schlurfen. Macht aber ein Patient Fortschritte, freuen sie sich mindestens so viel wie der Patient selbst.

Und dann wären da die Patienten. So viele verschiedene Typen, bei denen ich ein paar Gruppen beobachten konnte.

Der Insasse:

Der Insasse sitzt eine Strafe ab und fühlt sich nach eigener Aussage eher wie in einer Justizvollzugsanstalt. Der Trainingsplan gleicht einem Drill, man hat keine Wahl; man muss sich abmühen. Und wozu überhaupt? Wie soll man hier gesund werden, unter Kranken? Der Insasse fiebert dem Tag der Entlassung entgegen und hat selten wirklich etwas erreicht. In den Gruppenkursen ist er unmotiviert und beschwert sich in den Pausen gern. Das Essen ist nicht lecker, die Wände sind in der falschen Farbe gestrichen und man muss sowieso zu früh aufstehen.

Der Gleichgültige:

Der Gleichgültige fragt sich insgeheim, was er wohl in der Reha soll. Vorher war die Bewegungsfähigkeit doch auch nicht die eines Spitzensportlers. Warum auch? Wer im Alltag keinen Sport macht, braucht das doch nicht. Und für den Job hat es bisher auch gereicht. Aber wenn die Ärzte das sagen, dann eben Reha. Ziele kann diese Gruppe nicht definieren, sie würden doch eh verfehlt. Macht aber nix. Ob die Übung so was bringt ist egal, hauptsache nicht anstrengend. Der Gleichgültige redet mit wenigen Mitpatienten und fällt eigentlich nicht auf. Ob nun Trott zu Hause, auf der Arbeit oder in der Reha; ist doch eh alles dasselbe.
Der Insasse und der Gleichgültige teilen eine Auffassung: Sie sehen die Reha als Werkstatt und die Therapeuten als Mechaniker. Sie erwarten repariert nach Hause zu gehen.

Der Enttäuschte:

Der Enttäuschte kam motiviert und wollte so einiges erreichen. Aber die Fortschritte lassen zu lang auf sich warten oder die Schmerzen stehen ihm im Weg. Oder er hat eine Werkstatt für den Körper erwartet und „nur“ Anleitung zur Selbsthilfe bekommen. Es ist nicht sein erster Versuch wieder auf die Beine zu kommen, aber langsam glaubt der Enttäuschte nicht mehr an Heilung. Wie soll man Hoffnung schöpfen unter lauter Kaputten? Ob eine spätere erneute Reha oder anschließende ambulante Anwendungen helfen, zweifelt er an, ist aber gewillt es zu versuchen. Hauptsache es ist eine andere Einrichtung, wo sie ihn reparieren können.

Der Motivierte:

Der Motivierte weiß was er mit der Reha erreichen will. Die Anwendungen können kaum anstrengend genug sein. Nur wer selbst etwas investiert wird am Ende die Früchte ernten können. Er hängt sich voll rein und wartet auf Muskelkater. Auch kleine Verbesserungen nimmt er wahr und feiert sie. Ein Tag, der nicht so gut lief ist für den Motivierten ein verlorener Tag. Er versucht die Ideen und Ratschläge der Therapeuten auch am Abend oder Wochenende umzusetzen und weiß wobei es noch hapert. Er nimmt die Gelegenheit an zu lernen, wie er sich selbst flicken kann.
Eines aber haben alle Gruppen (und es gibt vielleicht noch mehr und vor allem auch Mischtypen) gemein: Alle differenzieren zwischen drinnen und draußen. Alle machen die Erfahrung der Parallelwelt.

Drinnen versteht jeder jeden. Irgendwie sitzt man im selben Boot, trotz unterschiedlicher Verletzungen, Altersklassen, Berufe. Keiner verlangt etwas vom Anderen, jeder weiß, dass vermeintlich einfache Fragen Überforderung auslösen können. Man muss hier keine Entscheidungen treffen, kann das „Normale“ ausschalten. Gepaart mit der festen Struktur des Trainingsplans ergeben sich meines Erachtens zwei Grundpfeiler einer Reha und somit auch für die Genesung. Nach meiner ersten Entlassung aus dem Krankenhaus habe ich mich lang von meinen Freunden und meiner Familie tragen lassen. Bin bei Aktivitäten gern auf deren Vorschläge eingegangen, um mir so die Gedankenlosigkeit noch etwas zu erhalten.

Draußen, so höre ich es immer wieder, kommen die Anderen mit ihren Erwartungen daher. Man sei ja auf Kur gewesen, also quasi im Urlaub und somit gut erholt. Nein, eine Reha ist etwas anderes als eine Kur! Eine Reha behinhaltet 7 – 8 Stunden Anwendungen am Tag. Das entspricht fadt einem Arbeitstag. Man ist nach einer Reha nicht gut erholt; nicht im Sinne von „in der Sonne gelegen“. Man ist erholt, weil man Bewegung und Aktivität zurück bekommen hat. Aber man ist nicht ausgeruht. Allerdings hat von mir glücklicherweise niemand verlangt direkt wieder zu funktionieren. Das wiederum ist der „Vorteil“ einer sichtbar schlimmen Verletzung.

Ich genieße meine Zeit in der Reha. Ich freue mich auf jede Anwendung, außer vielleicht auf die Fango – ist mir zu passiv. Ursprünglich wollte ich erst nach der Reha einen Beitrag dazu schreiben. Jetzt bin ich dafür zu lang hier. Wie es mir in den Therapien ergeht wird noch folgen.

Egal, ob drinnen oder draußen, ob Patient, Therapeut oder Arzt; Machiavelli formulierte einmal, was für mich gut in diesen Klinikkosmos passt:

„Wenn du stark bist, dann beginne, wo du stark bist. Wenn nicht, beginne dort, wo du eine Niederlage am leichtesten verschmerzen kannst.“