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Therapien I: Physiotherapie 

Nach einem Unfall oder einer Verletzung sind verschiedene Faktoren wichtig für eine Rückkehr ins „normale“ Leben. Das sind nicht nur die Familie, Freunde und Ärzte. Es ist wichtig wieder fit zu werden und genau dafür gibt es verschiedene Therapien, denen der Betroffene sich aussetzen kann.

An dieser Stelle möchte ich beginnen etwas über die Therapiemöglichkeiten schreiben, die ich nutze. Bestimmt gibt es noch mehr, aber wie immer kann ich nur über meine eignen Erfahrungen berichten. Mein Paket besteht derzeit aus

Physiotherapie
Ergotherapie und
psychologischen Therapieformen.

Mit und mit möchte ich euch hierzu einen Einblick gewähren und würde heute gern mit der vielleicht bekanntesten Form beginnen.

Physiotherapie kommt aus dem griechischen von „φύσιςphýsis „Natur“/“Körper“ und θεραπείαtherapeía „das Dienen, die Bedienung, die Dienstleistung, die Pflege des Körpers / das Wiederherstellen der „natürlichen Funktion“ (Qu. Wiki). Es ist der Oberbegriff für Krankengymnastik bzw. Bewegungstherapie und physikalische Therapie. Letztere umfasst Anwendungen wie Massagen, Elektrotherapie, Hydrotherapie sowie Thermotherapie.
Gemeinsam handelt es sich um natürliche Heilverfahren, die passive – z.B. durch den Therapeuten geführte – und aktive, selbstständig ausgeführte Bewegung des Menschen sowie den Einsatz physikalischer Maßnahmen zur Heilung und Vorbeugung von Erkrankungen. Physiotherapie dient nicht nur der Therapie und Rehabilitation, sondern auch der Prävention. „Der Begriff „Krankengymnastik“ wird den modernen Anforderungen physiotherapeutischer Verfahren inzwischen nicht mehr gerecht, weil nicht nur „Kranke“ die Leistungen in Anspruch nehmen und „Gymnastik“ als Leibes- und Körperübung die verwendete Methodenvielfalt sehr einschränken würde“ (Qu: Deutscher Verband für Physiotherapie). In meinem Umfeld spricht man auch tatsächlich immer weniger von Krankengymnastik und stattdessen von Physiotherapie.

Doccheck Flexikon definiert die Phyisotherapie als eine „Form der äußerlichen Anwendung von Heilmitteln und beinhaltet die ganzheitliche Therapie des Körpers, orientiert an den anatomischen und physiologischen Gegebenheiten.“ Die Bewegungstherapie ist der Hauptbereich der Physiotherapie. Sie zielt auf die Steigerung der Belastbarkeit ab und wird im Verlauf dem Heilungsprozess individuell angepasst. Genau davon kann ich ein Lied singen.

Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich nach dem Unfall aufstehen durfte, aber sobald es soweit war, kam ein Physiotherapeut zu mir und hat mit mir geübt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich einen Fixateur externe am linken Fuß und es galt mit diesem extra Gewicht (etwa 2 kg) klar zu kommen ohne umzufallen und ohne das Gestell immer auf dem Boden abzusetzen, schließlich durfte ich den Fuß nicht belasten. Also habe ich zunächst einen Gehbock bekommen. Ein Gerät mit Rollen auf dem man oben die Arme auflegen kann und damit das Gewicht von den Beinen auf den Gehbock verlagert. Damit aber auch die Muskulatur im linken Bein soweit wie möglich erhalten bleibt, war es wichtig dennoch vor und zurück zu schwingen, als liefe ich tatsächlich. Denn auch meine persönliche Erfahrung zeigt: Es ist leichter Muskeln zu erhalten, als Muskelmasse neu aufzubauen!

Der Fixateur war zwar schwer, aber ich stand zu dem Zeitpunkt ja noch im Training, also war es kein Problem und ich durfte schnell an einen Rollator wechseln. Unterarmgehstützen kombiniert mit einem Fixateur sind eine ziemlich wackelige Angelegenheit, auch wenn man fit ist.

Nachdem ich verlegt wurde und viele viele Operationen hatte, wurde meine schöne Bewegungstherapie erst einmal ausgesetzt. Denn 3 Wochen mit mind. 10 OPs schlauchen ungemein. Und das ist noch untertrieben. Ich war körperlich das erste Mal in meinem Leben völlig am Ende. Mir fehlten zwei Muskeln einer im Oberschenkel, einer im Rücken, der Fixateur war noch dran, am Oberschenkel hatte man mir Haut gemopst. Rechtsseitig war Bewegung beinahe unmöglich. Es blieben mir der linke Arm und der Kopf. In so einem Fall macht auch ein Physiotherapeut nicht viel. Zunächst haben wir Atemübungen gemacht, damit ich nach der ganzen Beatmung im OP wieder selbstständig tief atme. Wenn man auch das immer wieder mal einen Tag lang nicht selbst machen muss, oder vielmehr darf, wird die Atmung nämlich schnell recht flach. Dann kam der rechte Arm dazu. Schon noch liegend durfte ich ihn immer mal anheben. Auch minimale Bewegung war eine totale Anstrengung. Das war im August und September letzten Jahres. Mittlerweile kann ich ihn wieder uneingeschränkt bewegen. Kontinuierliches Beüben brachte neue Übungen: mit der Hand von oben zwischen die Schulterblätter greifen, Kraftaufbau mit einem Teraband, das am Fußteil des Betts festgebunden wurde. Ich lag ja schließlich noch immer nur im Bett. Auch wenn das Rückenteil bei Krankenhausbetten verstellbar ist, sitzen war wirklich anstrengend. Mein rechtes Bein konnte ich immer bewegen, nur nicht immer schmerzfrei. Selbst an dem Bein sind 6 Wochen liegen aber nicht spurlos vorbeigegangen. Die Muskeln waren erst mal futsch. Also Bein anheben und halten und das immer schön wiederholen. Mein linkes Bein bekam in diesen Wochen eigentlich keine Bewegung, da hatte man ja auch regelmäßig dran herum operiert. Da hieß es erst einmal die Kniescheibe wieder frei zu bekommen, indem ich sie mit den Händen hin und her geschoben habe. Irgendwann durfte ich auch das Bein mal anheben. Nach meiner Entlassung hatte ich erst einmal ein neues Gefährt unter’m Hintern: einen Rollstuhl. Der kräftigt Arme, Schultern und Rücken schon ganz gut. Dazu Übungen am Teraband und Kraft und Bewegungsfähigkeit des rechten Arms kamen zügig zurück.

Allgemein gilt: Muskeln, die es gewohnt sind viel zu leisten, lassen sich auch schnell wieder aufbauen.

Über ein halbes Jahr bekam ich auch zweimal pro Woche eine Lymphdrainage, um die Schwellung im linken Fuß und des transplantierten Lappens zu verringern. Außerdem wurden mir ein paar Wochen noch Rückenmassagen verschrieben, damit ich durch das Krückenlaufen nicht völlig verspanne. So hatte ich auch etwas von der physikalischen Therapie, die meine Beweungstherapie eine zeitlang ergänzt hat.

Mit meinem Physiotherapeuten habe ich auch Treppensteigen geübt. Vor allem mir Orthese. Treppab erst das kranke Bein, denn wenn man krank ist, geht es bergab. Treppauf erst das gesunde, denn da geht es bergauf.

Nach der Amputation und bevor ich meine Prothese bekam, ging es bei der Physio für mich darum die linksseitige Muskulatur zu erhalten und die Kniemuskulatur zu stärken. Ohne Belastungsfreigabe ist letzteres eher schwer, aber wenigstens zu erhalten, was da ist, war schon viel Wert. Weil ja aber auch die Leisten-, Becken-, und Rückenmuskulatur am Laufen beteiligt ist, haben wir viel für diese Regionen gemacht. Ich kam nur äußerst selten ins Schwitzen, das war für mich neu. Denn wenn ich vorher bei der Physio war (ganze 2 Mal), war es sehr anstrengend.

Jetzt mit der Prothese liegt der Fokus natürlich darauf wieder laufen zu lernen. Meine erste Hürde: beide Beine gleich zu belasten. Nachdem ich ein Jahr nur mit dem rechten Bein bestritten habe, ist das keine leichte Aufgabe. Wir machen also diverse Übungen zur Gewichtsverlagerung, z. B. mit Pezziball oder mittlerweile auf dem Trampolin. Oder ich „gehe“ durch den Raum. Mit beiden Stützen und freihändig. Dazu wird die kleine Gesäßmuskulatur (musculus gluteus minimus – Link mit Video) gestärkt, die das Becken beim Gehen anheben müssen.

Diese Sachen mache ich zweimal pro Woche mit Physiotherapeut. Dazu kommen 5 Einheiten Ergotherapie und am Wochenende kann ich dann davon auch etwas alleine machen. In der Reha werden die Therapien dann voll und ganz ausgekostet. Denn Physiotherapie zielt auf eigenverantwortlichen Umgang mit dem eigenen Körper ab. Es geht um die „Wiederherstellung, Erhaltung oder Förderung der Gesundheit und dabei sehr häufig die Schmerzfreiheit bzw. -reduktion“ (Qu: Wiki).

Mit guter Therapie kann man dann auch nach einer Amputation wieder Treppen hoch und runter flitzen. Auch wenn das natürlich Zeit braucht. Ich werde sie mir nehmen und mich auf dem Weg dahin über die kleinen Schritte freuen.